Imke Herrmann und Lars Auszra sind Psychotherapeuten und Coaches in München. Sie sind aber auch ein Paar, das gemeinsam mit zwei Kindern in der Coronapause ist. Wir sind befreundet, deshalb habe ich ihnen per Mail die Frage gestellt, die sich gerade vermutlich in vielen Familien stellt: Was sollen wir tun, wenn wir uns alle auf die Nerven gehen?

Was tun, wenn wir uns alle auf die Nerven gehen? Ein Interview 2
Imke (ganz rechts) und Lars (links) sagen: „Es kann und wird nicht ausbleiben, dass man sich auf die Nerven geht.“ (Screenshot: https://www.psychotherapie-praxis-muenchen.com)

Habt Ihr einen Tipp: Wie schafft man es in diesen Zeiten als Familie in einer Wohnung zu leben, ohne sich auf die Nerven zu fallen?

Lars: Das sind zunächst einmal Basics wie eine klare Tagesstruktur, Bewegung, gemeinsame angenehme Aktivitäten, das Aufrechterhalten von Außenkontakten.

Imke: Und darüber hinaus, und das ist vielleicht das Wichtigste, ein akzeptierender Umgang mit den eigenen Gefühlen und denen seiner Kinder und Partner.

Kann man sagen, dass der wichtigste Tipp ist, erstmal zu akzeptieren, dass man gar nicht drumherum kommt, sich auf die Nerven zu gehen? 

Imke: ja, genau. Es kann und wird nicht ausbleiben, dass man sich auf die Nerven geht. 

Lars: Wie sollte das auch nicht passieren? Schwierig sind dann oft so genannte Metaemotionen, also Gefühle über Gefühle, wenn ich mich beispielsweise darüber ärgere, dass ich genervt bin, dann kann es zum Teufelskreis werden.

Imke: Im Idealfall helfen sich Partner bei der Regulation. Also wenn ich merke, mein Partner verliert gerade die Nerven mit den Kindern, übernehme ich anstatt mich darüber zu ärgern, dass er gerade die Nerven verliert.

Lars: Wir sollten nicht aus den Augen verlieren, dass alle überfordert sind und es im Kern nicht böse meinen.

Und wie reagiert man dann als Eltern am besten, wenn das Kind durchdreht und schimpft?

Lars: Atmen (lacht). Die eigenen Gefühle des Ärgers oder der Hilflosigkeit, die in einem aufsteigen, wahrnehmen und akzeptieren und dem Kind vermitteln: „Ich nehme wahr, dass du dich gerade ärgerst, irgendetwas passt dir gerade überhaupt nicht.“

Imke: Und dann gucken, was sich unter dem Ärger verbirgt, weil so ein Austicken ist ja meist eine Reaktion auf andere Gefühle wie Hilflosigkeit, Überforderung, Traurigkeit oder was auch immer. Es gilt, die Gefühle der Kinder zu validieren.  Im Sinne von beispielsweise: „Ich sehe, dass du dich gerade total überfordert fühlst, weil einfach alles zu viel ist. Das ist auch kein Wunder.“

Lars: Also gemeinsam mit dem Kind herausfinden, was es eigentlich fühlt und braucht und Lösungen erarbeiten. 

Und wenn es nicht um das Kind geht, sondern um die Partnerin oder den Partner, die wieder die Spülmaschine nicht ausräumt oder wieder die Tür nicht abgeschlossen hat?

Lars: Warum sollte die Partnerin denn die Tür abschließen? (lacht). Im Ernst: Im Idealfall den Ärger wahrnehmen, bewusst atmen, das, was einem als erstes in den Sinn kommt, zensieren und wenn der Raum dafür da ist, schauen, wie es in einem aussieht, wenn der Partner diese Dinge macht oder nicht macht, also welche Gefühle löst es eigentlich in mir aus?

Imke: Fühle ich mich nicht respektiert, nicht erst genommen, löst es in mir Ängste aus? Und dann kann ich in einer ruhigen Minute mit dem Partner drüber sprechen.

Lars: Aber idealerweise nicht von dem Ärger, sondern von den anderen Gefühlen, die unter dem Ärger liegen: also, wenn die Türe offen ist, habe ich Angst und wenn ich dich drum bitte und du machst es nicht, fühle ich mich nicht ernst genommen und irgendwie alleine.

Imke: Aber nochmal: Das wird uns nicht immer gelingen und auch dafür braucht es gegenseitige Akzeptanz, uns selber gegenüber, dass wir mal austicken und auch dem Partner gegenüber nicht immer so super einfühlsam sind.

Welche Wege gibt es, um sich kurzfristig Hilfe zu holen, wenn es um mehr geht als um Dünnhäutigkeit und Schimpfen?

Imke: Klar, das waren Beispiele von Konflikten, die einigermaßen im Rahmen bleiben. Es gibt ja einige Hinweise, dass häusliche Gewalt, vor allem an Frauen ansteigt. Wenn man das Gefühl hat, sich nicht mehr unter Kontrolle zu haben oder Opfer von Gewalt wird, sollte man sich dringend Hilfe holen. Der Bund Deutscher Psychologen hat zum Beispiel ein Sorgentelefon eingerichtet, aber auch jeder Psychotherapeut und jede Beratungsstelle kann helfen.

Die Praxis von Imke und Lars bietet unter psychotherapie-praxis-muenchen.com auch Sitzungen per Video an

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