Seit zwei Wochen dürfen sich in Bayern meine Kinder (10 und 12 Jahre) wieder mit einem/r „haushaltsfernen“ Freundin oder Freund treffen. Im Freien, zum Spielen. Gleichzeitig sind aber, Stand Freitag, 1.5. 2020, die Spielplätze offiziell noch geschlossen.

Was im ländlichen Raum oder in ruhigeren Wohngegenden vielleicht ganz gut geht ist in unserem städtischen Wohnviertel in München ein Problem. Draußen zum Spielen treffen findet hier in den meisten Fällen auf dem Spielplatz statt. Es kann nur auf dem Spielplatz stattfinden, weil es sonst kaum Platz gibt, wo Kinder alleine gefahrlos spielen können.

Spielen, aber ohne Platz

Seit Beginn des Lockdown sind für meine Kinder alle Bewegungsangebote weggebrochen. Schulsport? Fällt aus. Parkour im Verein? Bis auf weiteres geschlossen. Basketball mit Freunden auf dem Spielplatz? Rotes Flatterband.

Alles was Ihnen draußen Spaß macht geht gerade nicht oder nur sehr eingeschränkt. Auf Joggen haben Sie keinen Bock. Spazierengehen? LoL!

Radfahren würde Ihnen Spaß machen. Beide haben ihren Fahrradführerschein gemacht. Sie dürfen offiziell alleine in der Stadt mit dem Rad unterwegs sein. Ich kenne aber keine Eltern, die bei dem Gedanken an ihr alleine radfahrendes Kind im Münchner Stadtverkehr kein ungutes Gefühl haben. Jeder hat eigene Erwachsenenerfahrungen mit zu schmalen, zugeparkten und plötzliche endenden Radwegen, zu eng überholenden Autofahrern oder immer noch zu vielen tödlichen Rechtsabbiegerunfällen.

Platzverschwendung

In vielen deutschen Städten wird Raum immer knapper. Eine Stadtgesellschaft braucht Platz für Wohnen, Erholung, Geschäfte und Verkehr. Es gibt keine offiziellen Statistiken, wie die Verkehrsflächen in deutschen Städten verteilt sind, aber die Agentur „clever Städte“ hat in der Studie „Wem gehört die Stadt“ für Berlin ermittelt, dass dort 58% der Verkehrsfläche für Autos und nur 3% für Radfahrer zur Verfügung stehen.

Autos brauchen dabei nicht nur Platz zum Fahren, sondern auch zum Parken. Ein durchschnittlicher Autoparkplatz ist zehn Quadratmeter groß. Dazu kommt noch, dass ein Auto im Durchschnitt nur eine Stunde am Tag genutzt wird. Das bedeutet die restlichen 23 Stunden des Tages steht es ungenutzt rum und verbraucht zehn Quadratmeter Platz, der an anderer Stelle dringend fehlt. Der Illustrator Karl Jilk hat für die schwedische Verkehrsverwaltung den Platz, den wir Autos in Städten zugestehen (und anderen Verkehrsteilnehmern verwehren) sehr anschaulich illustriert.

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Platzgerechtigkeit und Distanzierungsraum

Schon vor Corona war diese Platzverteilung nicht gerecht, unter dem Brennglas von Ansteckungsketten und nötiger Distanzierung potenziert sich diese Ungerechtigkeit noch mal deutlich.

Das ist ein durchschnittlicher Gehweg in meinem Stadtviertel.

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Ich kenne einige Stellen, an denen zusätzlich noch Geschäfte, wie z.B. Eisdielen sind, vor denen sich seit Corona vor dem Laden lange Schlangen bilden. 1,5 bis 2 Meter Abstand zwischen Fußgängern und Radfahrern ist hier unmöglich. Platz wäre eigentlich genug. Er wird aber vor allem genutzt für zwei Autospuren und auf jeder Seite einen Parkstreifen.

Der Wiener Verkehrsplaner Hermann Knoflacher hat bereits in den 1970er Jahren sein sogenanntes „Gehzeug“ entwickelt. Ein einfaches Holzgestell, welches eindrucksvoll veranschaulicht, wieviel Platz ein PKW im Stadtverkehr einnimmt. In Zeiten von Corona ist der Gedanke, dass Fußgänger das Gestell als Distanzierungs-Tool verwenden gar nicht mehr so absurd. Rad- und Fußweg auf dem Bild oben wären dann komplett von einer Person belegt.

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Gesundheit für Alle

Um Ansteckungen zu vermeiden fällt der ÖPNV als sicheres Verkehrsmittel in der Stadt gerade leider größtenteils aus. Es bleibt Auto, Fahrrad oder zu Fuß gehen. Das Auto ist dabei das virensicherste Verkehrsmittel. Es schützt aber nur genau eine, bzw. um genau zu sein: 1,46 Personen (das ist die durchschnittliche Personenzahl, die in einem bundesdeutschen Auto sitzt) Fahrradfahrer und Fußgänger hingegen bekommen es dreifach ab: Abgase, Unterlegenheit bei potentiellen Verkehrsunfällen und seit neuestem dann eben noch Corona-Viren dank zu wenig Platz für Distanzierung.

Platz für Lockerungen

Anfang März hat sich in München der Autoverkehr dank Lockdown dramatisch reduziert. Ich habe das bei meinen regelmäßigen Distanz-Läufen auch gespürt. In den letzten Wochen bin ich sehr oft komplett ungestört auf leeren Autofahrspuren gerannt um den nötigen Abstand zu anderen Fußgängern einzuhalten.

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In Spanien wurde vor ein paar Tagen der sehr drastische Lockdown aufgehoben. Auf Instagram teilen viele Eltern Bilder, wie sich ihre Kinder beim ersten Spaziergang nach Wochen die leeren Straßen zurückerobern.

Bei uns werden Spielplätze demnächst wieder eröffnet. Aber bestimmt unter Auflagen. Es wird vielleicht eine maximale Besucherzahl geben, Altersbeschränkungen, oder Zeitslots für bestimmte Gruppen. Die Schulen sind weit entfernt vom Regelbetrieb. Wann es wieder Sportunterricht oder Fußballtraining geben wird? Keine Ahnung. Die Räume in denen sich Kinder sonst austoben werden noch auf Monate hinaus beschränkt bleiben.

Wenn genau jetzt in allen Bereichen unkonventionelle Lösungen gesucht werden, dann ist auch genau jetzt Zeit für eine schnelle und pragmatische Verkehrswende in deutschen Städten.

Mehr Raum für Kinder, Fußgänger, Jogger und Radfahrer., weniger für platzineffiziente Autos. Wir brauchen eine sozial gerechte Flächenverteilung, die der Gesundheit aller Stadtbewohner zu Gute kommt und nicht nur denen, die sich ein Auto leisten wollen oder können.

Wenn der Impfstoff gefunden ist, wartet nämlich schon wieder das nächste globale Problem auf uns: der Klimawandel. Der werkelt auch mit Corona weiter im Hintergrund und wird zu langfristigen und drastischen Änderungen unserer Gesellschaft führen. Weniger CO2, mehr umweltfreundlicher Verkehr sind ein gutes Gegenmittel dagegen.

Zaghafte Anfänge gibt es. Mailand will Autoverkehr nach dem Lockdown drastisch reduzieren, Brüssel auch, in Berlin entstehen erste Popup-Radwege und Spielstraßen werden zügig genehmigt. Gute Anfänge, aber gerade in deutschen Städten bisher nur Tropfen auf die heissen Pflastersteine der zu schmalen Rad- und Fußwege.

Ich habe in der Osterwoche ein fast autofreies München joggend erlebt und es war sehr schön.

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