Letzte Woche haben sich die Kultusminister der Länder darauf geeinigt: „Die Prüfungen, insbesondere die schriftlichen Abiturprüfungen, finden zum geplanten bzw. zu einem Nachholtermin bis Ende des Schuljahres statt, soweit dies aus Infektionsschutzgründen zulässig ist.“ 

Die Zahl der Corona-Fälle in Bayern steigt derweil weiter. Die Ausgangsbeschränkungen gelten noch mindestens bis zum 20. April. Für den Fall, dass die verhängten Kontaktverbote und Schulschließungen nach Ostern aufgehoben würden, wird der Höhepunkt der Epidemie mit rund 1,3 Millionen gleichzeitig Erkrankten für Juni erwartet. Manche Wissenschaftler rechnen damit, dass die Coronavirus-Pandemie in Deutschland nicht vor August oder September enden wird.

Mitten in dieser Unsicherheit bereiten sich Abiturienten in Bayern (und auch anderswo) auf ihre Prüfungen vor. Zwei davon sitzen bei mir zu Hause und geben ihr Bestes, zusammen mit 200 weiteren Schülern der Jahrgangsstufe 12 des Humboldt-Gymnasiums Vaterstetten, das zu den größten im Landkreis Ebersberg und auch in Bayern gehört.  

Über die Lernplattform mebis geben die Lehrer den Oberstufenschülern Arbeitsaufträge, Unterricht über ein Videokonferenz-Tool hat bisher noch nicht stattgefunden. Ich frage hin und wieder meinen Sohn oder meine Tochter, wie denn so die Stimmung in der WhatsApp-Gruppe der Q12 ist. Nicht berauschend, meinen sie.

Es herrscht Unsicherheit, wann und in welchem Rahmen die Prüfungen stattfinden werden. Wenn die Schulen wieder öffnen, welchen Infektionsschutz wird es geben? Der ausgefallene Unterricht fehlt allen zur Vorbereitung, man wäre ja auch in der Zeit noch benotet worden (die Bearbeitung der Arbeitsaufträge im Corona-Homeoffice-Klassenzimmer dürfen nicht bewertet werden). Wie soll man das aufholen? Die Schüler sehen nicht, dass die digitale Betreuung das in irgendeiner Weise auffangen kann. 

Die Entscheidung der Kultusminister kommt mir mit jedem weiteren Tag als überholt und vorläufig vor. Und die Bedenken der Schüler tauchen dort für mich überhaupt nicht auf. Sie haben keine Stimme, wie so oft. Unter den Landesschülervertretungen der Bundesschülerkonferenz gibt es zu dem Thema keine Einigkeit. Wir befinden uns momentan alle in einer außergewöhnlichen Situation und nicht alle Entscheidungen der Politik sind bis ins letzte ausgetüftelt. Dafür haben wir Verständnis.  

Trotzdem interessiert mich: Was wünschen sich die Q12-Schüler? Wie meistern sie den momentanen Zustand und welcher besonderen Belastung sind sie dabei zu Hause in der Familie und im Hinblick auf eine unsichere und evtl. lebensbedrohliche Prüfungssituation ausgesetzt? Zusammen mit meinem Sohn setze ich am Freitag eine kurze Umfrage bei Monkey-Survey auf. Am Sonntagabend haben bereits 133 von den über 200 Schülern im Chat an der Umfrage teilgenommen. Wir werten die Ergebnisse aus und bereiten sie auf ein paar Seiten auf, auch die einzelnen Wortmeldungen sollen nicht fehlen. Wir schicken die Ergebnisse einigen Pressevertretern (Merkur hat schon berichtet, die SZ berichtet auch und kommentiert) aber auch dem Ministerpräsidenten, dem Kultusminister und der Kultusministerkonferenz der Länder zu. 

Die Ergebnisse zusammenfasst:

  • 65 % der Befragten sind der Meinung, dass die Abiturprüfungen unter den gegebenen Umständen nicht wie gewohnt stattfinden sollten.
  • Mehr als die Hälfte der befragten Schüler schätzen die Ansteckungsgefahr während der Prüfungen als überdurchschnittlich hoch ein
  • Über 90 Prozent finden nicht, dass die Arbeitsaufträge über das mebis-System oder virtuelle Lerngruppen sie genauso gut auf die Prüfungen vorbereiten wie der Unterricht
  • Knapp 75% der befragten Q12-Schüler finden, dass sie sich in der aktuellen Situation ihrem häuslichen Umfeld nicht so optimal auf die Prüfungen vorbereiten können wie unter normalen Umständen
  • Über 70% fühlen sich persönlich emotional durch die momentane Situation belastet, über 40% davon stark bis sehr stark.
  • Über 60% Prozent wünschen sich eine Benotung ihrer Leistungen im Rahmen des Abiturs 2020 durch ein sogenanntes Durchschnitts-Abi. 

(alle Ergebnisse im Details als PDF)

In den Absprachen, die bisher nur zwischen Lehrervertretern und der Politik stattfinden, geht es in erster Linie um die Gleichbehandlung des Abiturs unter den Ländern. Etwas, dass es aber per se nie gab, da wir in einem Bildungsföderalismus leben. 

Bedenken werden weggeschmunzelt

Auf die Frage an Heinz-Peter Meidinger, dem Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes, nach der Entscheidung der Kultusminister, was sich denn die Schüler gewünscht hätten, kann dieser nur vermuten und seine Antwort endet mit einem süffisanten Seitenhieb, dass die Schüler, die ein Abi ohne Prüfungen wollen, sich wahrscheinlich nicht gut vorbereitet hätten. So einfach werden begründete Bedenken der Oberstufenschüler, die in der Mehrzahl bereits erwachsen und bald “reif für das Berufsleben” sind, beiseite geschmunzelt. Ganz so wie zu Zeiten von Oberstudiendirektor Dr. Gottlieb Taft.

Abitur in der Corona-Krise: Was wünschen sich die Schüler? 2
Bild: Constantin Film

Ein Gastbeitrag von Bernhard Lermann.

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